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Teil 1:
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Einleitung:
Wiener Graffiti-Archiv und Institut für Graffiti-Forschung
Ab 1994 kam es zu einigen entscheidenden Erweiterungen:
Ein weiterer Bereich der Institutsarbeit - nämlich die Beschäftigung mit der Jugendkultur der Writer/Sprayer - konnte in Form von fünf Europa-Workshops für Jugendliche verwirklicht werden. Im Bereich des legalen Zugangs zu Graffiti spielte und spielt das ifg eine wichtige Rolle als Ansprechpartner und Berater von Stadtverwaltungen und Politikern: http://graffitieuropa.org/legalwalls.htm . 2006 kam es zu einer Neugründung des ifg mit verändertem Vorstand. Das Wiener Graffiti-Archiv/Graffiti-Doku Europa besteht neben dem Institut als "Europäisches Dokumentationszentrum Graffiti und Street-Art" autonom weiter, kooperiert aber eng mit dem ifg - Statuten und Antrag auf Mitgliedschaft finden sie als pdf-Dokument auf der ifg-Website. Links:
DefinitionBevor ich weiter über Graffiti berichte, möchte ich zuerst auf die Wortherkunft eingehen und die im Wiener Graffiti-Archiv entwickelte Definition zur Diskussion stellen:
Das wichtigste Klassifikationsmerkmal bei der Zuordnung zum klassischen Graffiti-Begriff ist, dass eine Botschaft "ungefragt" - ohne Genehmigung des Eigentümers - auf fremde Flächen gemalt, geschrieben, gesprayt, gekratzt, ... wurde. Ältere Graffiti-Definitionen operieren mit dem Begriff der Legalität bzw. Illegalität. Damit ist keine Trennschärfe zu erreichen, da viele Graffitiformen traditionell zur Kultur der Menschheit gehören und keineswegs unter Strafandrohung stehen. Man denke dabei etwa an die Kommunikation auf öffentlichen Toiletten, oder an den Brauch Verliebter, ihre Initialen an Bäumen zu hinterlassen, ... Auch die Betonung der vielfältigen Erscheinungsformen von Graffiti ist sehr wichtig, da ganz unterschiedliche Assoziationen mit dem Begriff verbunden sind und eine Vernachlässigung der Differenzierung zu Verständigungsschwierigkeiten führt. Link: http://graffitieuropa.org/definition.htm Geschichte der Graffiti-ForschungArchäologische Funde:
Aktuelle Forschungen werden in verschiedenen antiken Orten durchgeführt, z.B. in Ephesos von österreichischen Archäologen - http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/antike-graffiti-geritzt-nicht-gespruht/10.html Retiradenreime, Toilettengraffiti:Ab der Jahrhundertwende erweckten Graffiti auch das Interesse von Volkskundlern. Die bedeutende (in Leipzig erschienene) sexualwissenschaftliche Zeitschrift Anthropophyteia des Wiener Forscher F.S.Krauss enthält frühe Sammlungen von Toilettengraffiti (Retiradenreime) aus Europa und Übersee. Graffiti von Gefangenen:Zu den antiken Inschriften und
Zeichnungen und der Variante der Klograffiti kam als dritter Bereich die Beschäftigung mit den
inoffiziellen und verbotenen Äußerungen von Gefangenen.
Der bekannte italienische Kriminalist Lombroso war Pionier auf diesem
Gebiet und stellte eine große Sammlung zusammen - leider verstand er es nicht,
sie richtig zu interpretieren. Sprach- und Sozialwissenschaftlicher Zugang:In den USA beschäftigte sich der Sprachwissenschaftler Read mit
Graffiti und sein Lexikon umgangssprachlicher Ausdrücke, das er in den
1920er und 1930er Jahren bei Reisen im Nordwesten der Vereinigten Staaten
zusammenstellte, ist in einer Neuauflage (bei maledicta
press) wieder Meinungsforschung und Einstellungsmessung:In
den USA gab es auch erstmals statistisch, empirische Versuche, um
Graffiti für Meinungsforschung und Einstellungsmessung zu nutzen. Dies
hing eng mit der Unzufriedenheit mit den gängigen, meist auf
Fragebögen und Interviews beruhenden "reaktiven" Messungen zusammen, deren Einsatzmöglichkeiten
begrenzt sind. Im Zuge dieser methodischen Auseinandersetzungen
entwickelten sich in den so genannten "non-reaktiven"
Messverfahren alternative Möglichkeiten, die eine sinnvolle Ergänzung
bieten und Fehlerquellen ausschalten sollten. In Europa wurde Ende der 1970er Jahre damit begonnen, Graffiti weiträumig zu dokumentieren - in Gent (Lievens), Brüssel (Avau), Wien (Wiener Graffiti-Archiv) und Kassel (Thiel, Beyer) wurden größere systematische Sammlungen aufgebaut. Etwas später nahm sich dann auch die damalige deutsche akademische Welt des Gegenstandes an, der hervorragende Reader des Sozialpädagogen Müller aus Tübingen (1986) hat auch heute noch einiges an Aktualität. Neben den wissenschaftlich orientierten Forschungen und Sammlungen erschienen in Deutschland Mitte der 1980er-Jahre einige populär aufgemachte und wissenschaftlich wenig informative Sammelbände von Graffiti-Sprüchen im Heyne-Verlag. Graffiti-Lexika Bisher wurden im deutschen Sprachraum zwei Graffiti-Lexika herausgegeben:
2005 wurde ich als Vertreter der internationalen Graffiti-Forschung damit beauftragt, die Stichworte GRAFFITI und STREET-ART für die Neuauflage der 30-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie zu bearbeiten. Erstmals konnte in diesem Zusammenhang der Begriff Graffiti-Forschung in seriösem Umfeld präsentiert werden, ebenso fanden darin die wichtigen Namen und Begriffe der Graffiti-Forschung (Saul Len, Irmela Mensah-Schramm, Axel Thiel, Jose Lodewick, ...) Erwähnung. Siehe: Text- und Bildbeiträge zu den Stichworten „Graffiti“ und „Street-Art“ in der 30 bändigen Brockhaus Enzyklopädie 2006, 21. Auflage, Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Leipzig. ISBN 3-7653-4100-2 Ähnlich konfus wie in den van Treek'schen Publikationen wird der Begriff Graffiti in der "freien" Enzyklopädie wikipedia präsentiert. Besonders zu bemängeln sind die manipulierten Literaturlisten, die wiederum alle auf van Treek und den Berliner Schwartzkopf-Verlag verweisen und die vielen anderen - seriös wissenschaftlichen - Ansätze verschweigen. Graffiti-EnzyklopädieIm Rahmen der online Enzyklopädie der Graffiti-Forschung, deren Basis die 2001 veröffentlichte Papierversion der Graffiti-Enzyklopädie ist, informiert das Institut für Graffiti-Forschung laufend über alle bekannten und neuen Aspekte von Graffiti: http://graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm . google führte die Website des Instituts für Graffiti-Forschung schon im Jahre 2004, und ab April 2006 neuerlich als die internationale Nummer 1 bei diesem Suchbegriff. Heute wird sie dort als internationales Graffiti-Portal präsentiert. Der oben erwähnte Volkskundler (Peter Kreuzer) unternahm in den 1990er-Jahren in München den Versuch, die Writer-Szene zu einer Europäischen Graffiti Union (EGU) zusammenzufassen und damit eine Interessensvertretung für diese Form der Jugendkultur zu schaffen. Was aus dieser Initiative geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis - medial treten weder Kreuzer noch die EGU in Erscheinung - und heute existieren weltweit unzählige Writer-Crews, auf unterschiedlichen Organisationsniveaus. Unangenehm ernst wurde die Kreuzersche Idee von einer Wiener Sprayergruppe genommen, die unter der Bezeichnung WGU eine Monopolstellung beanspruchte und alle anderen Ansätze zu verdrängen wollte - siehe dazu auch: Graffiti in Wien - http://www.graffitieuropa.org/graffitiwien.htm .
Das Medium Internet ist inzwischen von Graffiti-Homepages überwuchert, die Suche unter dem Begriff Graffiti mit der Suchmaschine google ergab im Jänner 2005 rd. 7.000.000 Treffer, im August 2006 48.400.000 und am 23.4.2008 39.100.000 Treffer. Eine Auswahl von Seiten mit wissenschaftlicher bzw. jugendkultureller und künstlerischer Relevanz bietet die "best links" - Seite des ifg. Wer im Internet nach Informationen über Graffiti sucht, kann sich
auch auf wenig zweckdienliche Erfahrungen gefasst machen. Wie weit
mit dem Begriff Graffiti, abseits seiner eigentlichen Bedeutung operiert
wird, soll folgendes Beispiel verdeutlichen: Einige fachlich fundierte Überlegungen zur Entwicklung der Graffiti-Forschung sowie eine kritische Betrachtung der inflationär auftretenden Graffiti-Forschungswelle unter Studenten finden sie auf der Seite des Graffiti-Vereins Leipzig - http://www.graffitiverein.de/Forschung/FR_Forschung_Geschichte.html . Ob sich jemand tatsächlich mit Graffiti beschäftigt hat, erkennen sie am einfachsten beim Umgang mit der wissenschaftlich üblichen Terminologie - Graffiti - Graffito - Graffiti-Bewegung. Wer mit Graffities, Grafitis, Grafitties, Graffitis etc. aufwartet, hat meistens keine Ahnung worum es geht, bzw. keine Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur auf diesem Gebiet. Eine Kuriosität stellt die seit kurzem zugängliche eu-domaine http://www.grafiti.eu/ dar, wo unter dem völlig unüblichen Begriff GRAFITI eine unzureichende Definition sowie eine komplett falsche Sicht der Graffiti-Forschung verbreitet wird. Die Autoren dieses Elaborates bleiben selbstverständlich anonym, ebenso wie die Verfasser des wikipedia-Artikels.
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