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neu: Street-Art und Graffiti-Museum Wien - www.graffitimuseum.at

Norbert Siegl: 

Kulturphänomen Graffiti.
Das Wiener Modell der Graffiti-Forschung


Teil 5: Namensgraffiti, Sprayer/Writing, Graffiti in Wien, Sticker, über Norbert Siegl


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Namensgraffiti und Sprayer - eine Entwicklungsgeschichte

Neben "Politik" und "Geschlechterbeziehungen" möchte ich als dritten und letzten großen Bereich im Rahmen dieses Referates die Namensgraffiti und deren Entwicklung besprechen:

Karl Liebknecht Strasse in Leipzig

Offizielle Varianten des Hinterlassens der Botschaft, dass jemand an einem bestimmten Ort gewesen ist, gibt es viele. Man denke etwa an die Gedenktafeln an Häusern, die daran erinnern, dass eine bekannte Persönlichkeit darin gelebt hat, dort geboren wurde, gestorben ist oder darin ein berühmtes Werk verfasst hat. An einem renommierten Hotel in der Innsbrucker Innenstadt sind an der Wand neben dem Eingang hunderte Namen wichtiger Gäste - von Kaiser Maximilian an, bis in die Gegenwart - zu finden.

Daneben findet man Nachrichten von weniger prominenten Zeitgenossen auch in Form von Graffiti. Fundortspezifisch sind sie besonders häufig an Orten mit Sehenswürdigkeiten, aber auch in Wallfahrtsorten, dort oft mit Bitten an Heilige oder den "lieben Gott" verbunden, anzutreffen. Besonders bekannt und diesem Bereich zuzuordnen ist das während und nach dem 2.Weltkrieg berühmt gewordene "Kilroy-Motiv", das angeblich über amerikanische Soldaten internationale Verbreitung fand. Dieses Motiv ist heute weitgehend kulturell vereinnahmt - man kann es auf Plakaten und Postern finden, in Berlin gibt es sogar ein Reisebüro, das sich nach Kilroy benennt (Kilroy-Reisen).


 

Joseph Kyselak - historische Aspekte

Ein anderes, viel älteres Beispiel, das besonders wegen der Parallele zu den heutigen Sprayern und Taggern interessant ist, ist der österreichische Registraturbeamte Josef Kyselak. Er lebte im Biedermeier in Wien und begann aufgrund einer Wette - derzufolge er in der ganzen Monarchie bekannt werden musste - überall seinen Namen zu verbreiten. Einige dieser Inschriften haben bis heute überlebt - wie weit sie tatsächlich authentisch sind ist eine andere Frage. Eine sensationelle Entdeckung dazu gelang Susanne Schaefer-Wiery in einem Museum in Wien. Dort ist auf einem Gemälde, das einige Jahre nach Kyselaks Tod entstanden ist, der Namenszug in der  entstellten Form "Kisselak" wiedergegeben. Dies ist ein Beweis für die historische Richtigkeit der Überlieferung seines Wirkens. Es wird ja berichtet, dass es zur damaligen Zeit kaum eine Wand gegeben hat, auf der nicht der Name Kyselak zu finden war. Ihm selbst soll es gar nicht recht gewesen sein, dass er mit seiner Namensverbreitung eine Eigendynamik auslöste, die auch andere Leute dazu veranlasste, seinen Namen, oft auch in entstellter Form, an Wände zu schreiben. 

Link - Bericht über das Leben KYSELAKs in der Wiener Zeitung

i.KYSELAK-Graffito aus Niederösterreich


 

Graffiti-Writing - vom Tag zum Piece

Graffiti-Tags und Throw up in Leipzig

Graffiti-Tags und Outlines in Wien

Kulturgeschichtlich betrachtet hat das "Schreiben des Namens" also sehr alte und weit zurückreichende Wurzeln. Dieses Namenschreiben sowie die Territorialmarkierungen amerikanischer Street-Gangs, waren das direkte Vorbild für die neue Kultur der Writer, der Tagger, die sich um 1970 in New York bzw. Philadelphia entwickelte: 

Jugendliche griffen exzessiv zu diesem Mittel der Verbreitung ihrer individuellen Logos (Tags), um der Anonymität der Großstadt zu entkommen und bekannt zu werden. In der Geschichtsschreibung der Writer-Kultur werden TAKI 183 und JULIO 204 als die ersten bekannten Writer genannt. Als die New York Times 1971 über TAKI berichtete, inspirierte sie damit unzählige Nachahmer und die traditionellen Schreib-Werkzeuge - Filzstifte und Marker (Edding-Kultur) - reichten bald nicht mehr aus, um in der entstandenen Fülle von Namen noch aufzufallen. Daher griffen einige Writer zur Spraydose, die es erlaubte, die Namen größer und bunter zu gestalten. Der Wunsch danach, wahrgenommen zu werden führte bald dazu, dass die "Schrift-Bilder", die Styles, von den stationären Flächen gelöst wurden, hin auf die Räder, auf die Wände der U-Bahnen und Züge, wo sie als eine Art von "inter-city-Texten" durch die Stadt und das Land gleiten. 

Der damit zugleich einsetzende künstlerische Wettbewerb der Jugendlichen war Auslöser für die Entwicklung der dynamischen Pieces - Styles (Schriften) und Charakters (figurative Elemente) - die man heute überall auf der Welt antreffen kann. Für die diversen Varianten des Namensschreibens - je nach Ausführung und Ort - entwickelte sich eine eigene Fachsprache unter den Graffiti-Writern - siehe dazu:

http://graffitieuropa.org/workshops.htm


 

Der Umgang mit der Sprayer/Writer-Kultur

Der Umgang mit dieser Überschwemmung durch individuelle, bunte Markenzeichen ist international bis heute nicht einheitlich.
Die Tendenz, bei den großen Pieces, geht mehrheitlich in Richtung Anerkennung als künstlerische Leistung und bei jedem HipHop-event wird völlig legal gesprayt, Firmen lassen ihre Fassaden gestalten, Graffiti-Workshops werden veranstaltet und in jeder größeren Stadt gibt es offizielle Walls, wo legal gearbeitet werden kann. Das Institut erreichen laufend Anfragen und Angebote an Graffiti-Sprayer - als kostenlose Serviceleistung richteten wir eine Seite ein, auf der aktuelle Auftragsangebote öffentlich zugänglich gemacht werden.

Link: www.graffitiauftrag.eu

WE ARE - häufig anzutreffender Begriff im Wiener Verkehrssystem


 

Sonderkommissionen Graffiti - juristische Aspekte

Daneben existieren eigene Polizeieinheiten (Sokos Graffiti in Deutschland, in Österreich Kommission Jugendbanden der Staatspolizei), die Jagd auf "illegale" Sprayer machen. Verkehrsbetriebe, wie z.B. die ÖBB, lassen ihre Anlagen von privaten Securities bewachen (siehe Abbildung rechts).

Siehe dazu auch die ifg-Seite "legal walls" mit rechtlich juristischen Informationen und Kommunikation mit diversen Stadtverwaltungen in Deutschland und Österreich zum Thema legale Flächen:

Link: http://www.graffitieuropa.org/strafrecht.htm


 

Graffiti-Writing in Wien


Einer der Pioniere Wiens: SAND


Graffiti-Style von KERAMIK - er versucht neuerdings als Thomas Mock und mit comicartigen Figurationen die Vermarktung seiner Werke


Die vielen Namen des LEVIN Statzer - Gedenk-Jam 2008


Kennzeichnung legaler Flächen für Sprayer mit Taube und dem Schriftzug WIENER WAND


Piece - Style mit Character von SKERO


BUSK - die Synthese von Graffiti und Street-Art


ROOFTOP von CURTIS - einem Vertreter der jüngeren Generation


JAYE - eine der wenigen Frauen der Graffiti-Szene - kreative Spezialistin für Gender Mainstream - Persiflagen


LUXUS -LUKSUS


SOLO - der häufigste Begriff im öffentlichen Verkehrssystem


DANDY - neben SOLO ein zentraler Begriff in Wien, oben an der Silvestertrain 2008-2009, unten an einer Lärmschutzwand

Neben einer Fülle an politischen Graffiti sind Graffiti mit dekorativem Charakter aus der Zeit der ARENA-Besetzung (1976) in Wien dokumentiert.

Inspiriert durch HARALD NAEGELI, gab es etwas später auch in Wien einige Aktivisten und Aktivistinnen, die mit ähnlichen Mitteln und künstlerischer Intention grafische Wesen an den Wänden hinterließen. Die erste bekannte Graffiti-Aktivistin Wiens ist BADY MINCK, ein Artikel über ihre Aktivitäten ist im Graffiti Reader veröffentlicht - http://www.graffitieuropa.org/edition.htm .

Klassische Graffiti der Writer-Kultur sind aus dem Jahr 1984 belegt. Im Zuge einer Initiative der Wiener Galeristin Grita Insam, der sich die Wiener Verkehrsbetriebe anschlossen, erhielten zwei New Yorker Sprayer den Auftrag, eine Garnitur der Linie J zu besprayen. Diese erste Graffiti-Train Wiens war ca. ein Monat lang im Einsatz. Schon aus dem Jahre 1985 gibt es Presseberichte über eine Verhaftungswelle (in der Nacht vom 14. auf den 15.3.). Der damalige Innenminister BLECHA soll gefordert haben, "schonungslos" gegen Sprayer vorzugehen.

Abgesehen von wenigen frühen Pionieren (SETAROC), die schon damals den Austausch mit New York pflegten, entwickelte sich eine größere autonome Szene in Wien erst Jahre später.

Als diese Szene ansatzweise vorhanden war, erfolgte sehr rasch ein österreichischer Anschluss an die deutsche Vorgangsweise, wo weitgehend eine harte polizeiliche Linie verfolgt wird. So präsentierte etwa der damalige Wiener Polizeipräsident (BÖGL) nach der großen Verhaftungswelle des Jahres 1994 vor versammelter Presse die beschlagnahmten Spraydosen stolz als "Tatwaffen". In der Öffentlichkeit wurde diese Aktion eher belächelt und kluge Entscheidungen der Wiener Stadtverwaltung verhinderten ähnliche Hexenjagden auf Jugendliche wie etwa in Deutschland. Einige Writer sind aber dennoch mit enormen Schadensersatzforderungen konfrontiert.

Heute findet man hier alle Arten von Graffiti nebeneinander - an den legalen Wiener walls, als offizielle Auftragsarbeiten und als "illegale" und wilde Zeichen in der Stadt und entlang der zentralen Bahnlinien. 

Als erster bekannter Tagger der Gegenwart - als "all city king" von Wien verdient der Name "STYLE" Erwähnung - siehe Graffiti-News 103: http://graffitieuropa.org/news/103.htm . Dieser mutige junge Mann nützte - so wie ich als Dokumentarist - das öffentliche Verkehrssystem und man konnte seinen Wegen bis in die niederösterreichischen Nachbargemeinden mit der Kamera folgen. Ich begegnete ihm einmal persönlich bei einer Graffiti-Veranstaltung, die Möglichkeit zu einem längeren Gespräch war dabei nicht gegeben. Anfang September 09 rührte sich per Wegwerf-e-mail-Adresse jemand bei uns, der sich als STYLE ausgab. Den darin mitgeteilten Informationen zufolge war STYLE Mitglied der wahrscheinlich ersten österreichischen Writer-Crew (gegründet 1991, ÖBB = Abkürzung für Österreichs Böseste Buben, mit den Mitgliedern Zek, Maze (Levin), Waste und Style.

Erwähnenswert unter den Aktivisten ist auch der leider früh bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Writer LEVIN (Statzer). Mit einer gigantischen Menge an wechselnden Decknamen war er über eine lange Zeit ganz entscheidend an der Gestaltung des Wiener Stadtbildes beteiligt (siehe Abbildung links). Seine Familie veranstaltet jährlich einmal ein LEVIN-GEDENK-JAM, bei welchem riesige Flächen an der Nordbrücke mit seinen Namen gestaltet werden. Siehe dazu die Dokumentationen 2008: http://www.graffitieuropa.org/news/253.htm , 2007: http://www.graffitieuropa.org/news/200.htm und 2006: http://www.graffitieuropa.org/levin/index.htm

LEVIN Statzer war auch Mitinitiator der Initiative WIENER WAND. Diese Initiative versucht laufend der Sprayer-Kultur neue legale Wände zur Verfügung zu stellen. Eine genaue Wegbeschreibung zu den bisher bestehenden Flächen finden sie unter WIENER WAND im Internet.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung der österreichischen Writer-Kultur spielten auch der aus Linz stammende TEXTA-Musiker SKERO und der Münchner Writer LOOMIT.

Wichtige Personen im Zusammenhang mit der Entwicklung einer toleranten Graffiti-Politik in Wien sind die Kunsthistoriker Susanne Schaefer-Wiery (erste ifg-Vorsitzende) und Dieter Schrage.

Ambivalent ist die Vorsitzende eines Wiener Sprayer-Vereins, Sigrid Feldbacher zu beurteilen. Neben fanatisch anmutendem Engagement für die Wiener Writer ist Sigrid Feldbacher gleichzeitig mitverantwortlich dafür, dass die Wiener Szene stark gespalten/zerstritten ist und die jüngerer Generation kaum etwas mit der älteren zu tun haben will. Die WGU (Sigrid Feldbacher, Wiener Graffiti-Union) strebte eine Monopolstellung auf dem Gebiet Graffiti an und versuchte, alles zu verhindern und zu crossen, was nicht auf ihrer Linie lag. Aneignungen wie z.B. das unter ihrem Namen veröffentlichte, und aus bekannten Quellen (vornehm ausgedrückt) zusammengeschriebene "Sigrids kleines Lexikon", siehe: http://www.airbrushshop.de/lexicon.html zeigen ihr Bemühen, sich sozusagen als "Urmutter" und Erfinderin der Writer-Kultur zu präsentieren, was natürlich kompletter Nonsens ist.

Das Phänomen, dass Jugendliche, die einmal eine Spraydose in die Hand bekamen, sich sofort für große Künstler und Erfinder des Writings halten, ist bekannt und weit verbreitet und wirkt lächerlich, wenn man die chronologische Entwicklung dieser Kulturform kennt.

Dauerhaft gelang der WGU glücklicherweise keine Monopolisierung, inzwischen gibt es hier eine vielfältige und blühende Szene, mit hunderten kreativen Beteiligten. Große Begriffe der Frühzeit sind STYLE, LEVIN, FLOYD, KERAMIK, SYNDROME, SAND, SYDE, NESH, RASK, HITCH, ... .

Einige der frühen Wiener Pioniere sind heute erwachsene Männer um 40, teils mit Hochschulabschluss, die in etablierten Berufen arbeiten.

Die jüngere Generation tritt (individuell oder auch kollektiv) mit Begriffen wie BUSK, SIGLA, DAMEST, BIKINI, OHM, TUMOR, RESOR, BANDE, JUIK, SNIZL, FNORD, MOIK, MÄS, SOLO, SMURF, FIM, CURTIS, JAYE, JUIK, NYCHOS, LIMIT, TVEE, ELIAS, LUKSUS, OAG, FOREL, GRAPE, SF, LEY!, OTK, CIEL, HIOB, JASIR, KOACH, LID, ICH, AIGHTS, STAX, SKIRL, FARS, WEARE, DANDY, STONEone, El Jerrino, 5711, ... in Erscheinung.

Die Angehörigen der ersten Generation der Wiener Stadtgestalter dachten kaum über das traditionelle Writing und die Perfektionierung persönlicher Styles hinaus. Als Feindbilder sind in den frühen Werken einerseits die ÖBB, die Wiener Linien, andererseits Angehörige des Polizeiapparates zu finden. An Symbolen dominierte das A und der Joint.

Die Writer und Street-Art-Künstler der Gegenwart zeigen eine erstaunlicher Bildung hinsichtlich grafischer Gestaltungsmöglichkeiten und eine Vielzahl an freien, individuellen Stilen. Eine große Rolle spielt dabei die Computertechnologie mit ihren grafischen Möglichkeiten. Weiters werden neuerdings auch verstärkt politische Anliegen und zeitgeschichtliche Themen in die künstlerische Auseinandersetzung einbezogen und so eine Brücke zur traditionellen und Jahrhunderte alten Kultur der Politgraffiti hergestellt.

Die Entwicklung - hin zum öffentlichen Verständnis dieser Kulturformen - führt dazu, dass sich einige kleine Galerien etablierten, z.B. INOPERABLE, und die Vermarktung dieser Kunst versuchen.

Während die meisten Writer der ursprünglichen Graffiti-Kultur treu bleiben, gibt es auch so genannte Künstler, die plötzlich unter ihrem Zivilnamen in Erscheinung treten. Ein Beispiel dafür ist ein gewisser "THOMAS MOCK", der seine teils comicartigen Werke mit Copyright-Hinweisen und Logos pflastert, dazu aber kurioserweise den öffentlich zugänglichen Raum nützt, wo in allgemeiner Übereinstimmung gerade die "Graffiti-Kunst" frei zugänglich ist. Als KERAMIK, TOPDOM etc. war und ist er nach wie vor auch abseits der Galerien aktiv. Mit hunderten kleinen Klebern, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt zu finden waren, versuchte er vor einigen Jahren auf sich und sein Angebot (Auftragsarbeiten) aufmerksam zu machen. Siehe: Graffiti-News Nr. 84 - http://www.graffitieuropa.org/news/084.htm

Ambivalenzen dieser Art gibt es viele im Bereich Street-Art und Graffiti. Und viele dieser so genannten Künstler werden nur wegen ihrer Gesetzesverletzungen wahrgenommen, weniger wegen der Qualität ihrer Arbeiten.

Die endgültige Geschichte der Wiener- und österreichischen Graffiti-Kultur ist noch nicht geschrieben - eine Aufgabe an der laufend im Rahmen der Instituts gearbeitet wird. Siehe: http://www.graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm

Eine fotografische Längsschnitt-Studie zur Wiener Graffiti- und Street-Art-Kultur finden sie auf: http://www.graffitieuropa.org/graffitiwien/index.htm

Einen Artikel zu einigen interessanten Aspekten der Sprayer-Kultur in Wien finden sie auf: http://www.graffitieuropa.org/graffitiwien.pdf

   

 

Das Wiener Graffiti- und Street-Art-Museum

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Wiener Graffiti-Museum - Museum Street-Art und Graffiti in Wien
www.graffitimuseum.at

Ausgehend von der Tatsache, dass Vorurteile überwiegend auf Unkenntnis der Materie beruhen, verfolgt das Projekt Wiener Graffiti- und Street-Art-Museum das pädagogische Konzept, möglichst viele Menschen unter fachmännischer Führung mit der Graffiti- und Street-Art-Kultur vertraut zu machen. Absichtlich wird vorerst, der Eigentümlichkeit der Graffiti-Kultur Rechnung tragend, auf eine traditionelle museale Infrastruktur verzichtet.

Ausstellungen des Wiener Graffiti-Museums (Graffiti und Rechtsextremismus, Kulturphänomen Graffiti, etc.) bedienten sich bisher aber auch herkömmlicher Kunst- und Kulturvermittelnder Örtlichkeiten wie z.B. den Museum Arbeitwelt Steyr, der Wienbibliothek im Rathaus, der Universität London, des Bezirksmuseums Simmering, der VHS Simmering, der NN-fabrik im Burgenland, usw.

Mit der 2008 erfolgten Gründung des Graffiti-Museums in Wien, gleichzeitig dem weltweit flächenmäßig größten Museum überhaupt, wurde eine Initiative gesetzt, die es ermöglicht, Graffiti einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen und Führungen für Schulklassen und interessierte Personengruppen anzubieten.


 

Street-Art: Sticker, Aufkleber, Cutouts, Affichements, Postings

Auf eine Weiterentwicklung der Graffiti-Kultur, nämlich auf Tags auf Stickern und Aufklebern, auf Cutouts und diverse Klebeinterventionen im öffentlichen Raum soll hier kurz hingewiesen werden.  Diese Formen werden dem Begriff Street-Art zugerechnet und verbreiten sich mit rasender Geschwindigkeit in allen europäischen Ländern. Sie stehen in enger Verwandtschaft zu Graffiti - Devise: "alles klebt" und "stick it". Das Institut für Graffiti-Forschung bereitet dazu ein Forschungsprojekt vor, Veröffentlichungen zum Thema finden sie laufend in den Ausgaben der graffiti news online, eine Definition finden sie auf: http://graffitieuropa.org/streetart.htm . Zwei der neuen Schlagworte dieser Kulturform sind CityMODifikation und visual kidnapping. Einer der großen Gegenwartskünstler ist der bis heute anonym arbeitende BANKSY, dessen Werke auch Wiener Wände zieren.

Als Vorläufer und frühen Protagonisten der Street-Art-Kultur kann man den Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler bezeichnen, der seine Werke seit drei Jahrzehnten direkt auf die Strasse und zu den Menschen bringt und sich in letzter Zeit große und beachtete legale Territorien für seine Kunst eroberte. Ein weiterer - seit vielen Jahren bekannter - und gelegentlich in Erscheinung tretender Modifizierer der öffentlichen Stadtbeschriftung ist POETER SIEGL. Siehe: http://graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm

Eine erste Ausstellung dieser neuen visuellen Kultur-Formen erfolgte 2006 im Wiener Museumsquartier unter dem Titel "Die lesbare Stadt". Die Ausstellung bot den Rahmen für den zweiten internationalen Graffiti-Kongress, der vom Institut für Graffiti-Forschung 2006 durchgeführt wurde - http://www.graffitieuropa.org/kongressalbum/index.htm .

Ein Interview mit Norbert Siegl zum Thema Street-Art finden sie in der Süddeutschen Zeitung  - siehe: Graffiti-News Nr. 109: http://graffitieuropa.org/news/109.htm .

Cutout aus Leipzig - Variante der Street-Art


 

Graffiti-Briefmarke der Deutschen Post, 2002

 

Damit bin ich am Ende des Referates angekommen. Sollten sie den Wunsch haben, ihre Kenntnis der Graffiti-Kultur zu vertiefen, so besuchen sie die GRAFFITI-ENZYKLOPÄDIE ONLINE - http://www.graffitieuropa.org/enzyklopaedie.htm . Weiters bietet die graffiti edition - als erster Fachverlag zum Thema Graffiti - 20 Bände zur wissenschaftlichen Forschung an - http://www.graffitieuropa.org/edition.htm

Jenen Leuten, die nur mit Verboten und dem Strafrecht argumentieren, möchte ich zu Bedenken geben, dass die älteste (Mediengebundene) Kommunikationsform der Menschheit auch unter anderen Gesichtspunkten betrachtet werden muss:
nämlich als anthropologische und kulturelle Konstante, als basisdemokratische Ausdrucksform jener Menschen, denen keine anderen Medien zur Verfügung stehen. Weiters sind Graffiti eine wichtige Informationsquelle für den Sozial- und Kultur-Wissenschaftler und Indikatoren für Bedürfnisse und Stimmungen von Menschen. Auch wenn man nicht mit jeder Graffiti-Äußerung einverstanden sein kann, sollte man diese interessante, autonome Kulturform ungestört existieren lassen und niemand sollte sich zum Zensor berufen fühlen!

Als letztes Fotobeispiel (links) die Graffiti-Briefmarke der Deutschen Post aus dem Jahre 2002. Die darin geforderte Toleranz sollte der gesamten Kommunikationsform Graffiti und ihren meist jugendlichen Aktivisten entgegengebracht werden!

 

 

Norbert Siegl, ( norbert.siegl@chello.at  - 0043 699 8139 0029 )

geboren 1952, Psychologe und Fotograf, lebt in Wien. Er begann 1976 - als Fotograf - mit ersten Arbeiten und Dokumentationen auf dem Gebiet der Graffiti-Forschung. Auf Anraten Ernest Bornemans begann er ein Psychologiestudium, das er 1992 im Bereich Medienforschung (Prof. Vitouch) mit einer Studie über geschlechtstypisches Kommunikationsverhalten am Beispiel Toilettengraffiti abschloss. Die Buchveröffentlichung dieser Studie gilt als Standardwerk. Siegl ist Gründer des "WIENER GRAFFITI-ARCHIVS/ GRAFFITI DOKU EUROPA", des ersten und umfangreichsten internationalen Dokumentationszentrums für Graffiti und Street-Art, mit einem Datenbestand von rd. 80.000 Fotos.

1994/95 Projektmanagement und Arbeit an der Studie "Kulturphänomen Graffiti. Ein internationaler Vergleich" im Auftrag des österreichischen Wissenschaftsministeriums. 2001 Veröffentlichung der "Graffiti-Enzyklopädie", Weiterführung als Graffiti-Enzyklopädie online im Internet. Lehrbeauftragter der Universitäten Wien und Graz, internationale Vorträge, Auf- und Ausbau der Informations-Website des ifg: http://graffitieuropa.org
2007 Kurator (gemeinsam mit Dieter Schrage) der Ausstellung GRAFFITI.RECHTS.EXTREM im Wiener Rathaus.
2008 Gründung des Wiener Graffiti-Museums - www.graffitimuseum.at , Herausgeber der Publikation "Rechtsextreme Symbole und Parolen"
2009 Neuauflage des Graffiti-Readers (Essays internationaler Experten) und Fortführung der internationalen Dokumentationen.

http://members.chello.at/norbert.siegl/siegl.htm

Fotoausstellungen (Graffiti - künstlerische Aspekte, ab 1998):

  • "Graffiti - Oasen irritierender Phantasien" nn-fabrik Siegendorf
  • "Peace legalize Love. 20 years graffiti doku europe" University of London"
  • Graffiti - Die wilden Zeichen der Stadt", VHS 17, Wien

Fotoausstellungen im Rahmen des Bereichs politische Bildung - Graffiti und Rechtsextremismus - siehe http://www.graffitieuropa.org/rechtsextremismus.htm

Buchveröffentlichungen - siehe graffiti edition

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