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Norbert Siegl:

Toiletten-Graffiti, Klo-Graffiti
Graffiti von Frauen und Männern

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1992 wurde vom Institut für Graffiti-Forschung eine Arbeit durchgeführt, die sich mit der Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Toilettengraffiti beschäftigt. Es wurden 2.186 Graffiti in die Untersuchung einbezogen, die 1991 schriftlich und teilweise fotografisch erfasst wurden. Aufgrund der Anordnung der Toilettenkabinen konnte berücksichtigt werden,  auf welches Proportionsverhältnis bei den potentiellen Produzenten die manifesten Graffiti zurückzuführen sind und bei der Erhebung wurden die äußeren Variablen, welche gleiche Haftbarkeit und Haltbarkeit der Graffiti gewährleisten, konstant gehalten. Die Fragestellungen wurden mit Methoden der empirischen Sozialwissenschaften untersucht. Dazu war es nötig, ein eigenes Kategoriensystem zu schaffen - dieses geht von fünf Hauptkategorien aus, die weiter in 22 Subkategorien gesplittet wurden.

Die erste Untersuchungs-Hypothese bezieht sich auf die Unterschiede bei den generellen Häufigkeiten und wird insofern positiv beantwortet, als in Männertoiletten signifikant mehr Graffiti produziert werden, als in Frauentoiletten. Bei diesem Ergebnis ist allerdings zu beachten, dass als Untersuchungseinheit die Einzeleintragung gewählt wurde. Wäre das Wort die Untersuchungseinheit gewesen, könnte das Ergebnis anders ausfallen, da Frauen Sachverhalte im allgemeinen viel ausführlicher, subtiler und genauer, somit auch "wortreicher" abhandeln.

Bei den thematischen Unterschieden sind ebenfalls in den meisten Kategorien (erstellt auf Basis einer Inhaltsanalyse) signifikante Unterschiede vorhanden, die deskriptiv-statistischen Ergebnisse finden sie am Ende des Artikels als gif-Grafik.

Politik:

Die Äußerung politischer Inhalte ist bei den Männern mit 55,61 % quantitativ der umfangreichste Bereich. In erster Linie prallen - in meist hochaggressiver Form - "linke" und "rechte" Positionen aufeinander, sodass man  zurecht von Verbalkriegen sprechen kann, die an der Klowand ausgetragen werden. Gegenpositionen werden mit aller Härte (Schimpfworte, verbale Angriffe, die bis hin zur Androhung der physischen Vernichtung des Gegners reichen) bekämpft.
Daneben ist aber auch das parodistische Element augenscheinlich - Witz, Überpointierungen entlarven oft das ernsthafte Engagement in seiner Lächerlichkeit. Imposant ist die große Vielfalt an Positionen und Stellungnahmen, die sich auf viele unterschiedliche Themen - meist tagespolitischer Art - beziehen.
Frauen thematisieren in diesem Bereich weit seltener - 7,54 % - und wenn Konflikte ausgetragen werden, so geschieht dies in einer gemäßigteren Sprache. Es wird mehr aufeinander eingegangen und argumentiert. Es finden sich sogar Beispiele für persönliche Hilfestellungen, indem z.B. Entscheidungshilfe bei Wahlverhalten gegeben wird.
Politgraffiti werden zwar in vielen Untersuchungen erwähnt, kaum aber einer näheren Betrachtung unterzogen:
Ersichtlich ist, dass starke Korrespondenz mit äußeren Ereignissen gegeben ist, die hier ihren Niederschlag finden. Die Inschriften dieses Bereiches gehen selten mit der vorherrschenden Parteienlandschaft und Ideologie konform - einerseits werden Extrempositionen ausformuliert - andererseits wird gezielt gegen die "Machthaber" opponiert und argumentiert.

Sexualität:

Im sexuellen Bereich bestehen ebenfalls große (signifikante) Unterschiede. Männer (18,07 %) äußern sich in einer Art zum anderen und eigenen Geschlecht, die durchaus im Sinne von Kinsey stimulierenden Effekt, im Sinne Freuds der  Abfuhr von Triebenergie dienen könnte. Es fehlt bei den Männern weitgehend das persönliche Element, die Frau wird auf das weibliche Körperschema, bzw. auf die Geschlechtsmerkmale reduziert, was in vielen Zeichnungen zum Ausdruck gebracht wird. Unsicherheiten im Umgang mit dem anderen Geschlecht werden kaum geäußert, als erstrebenswerteste Befriedigungstechniken findet man Vaginalkoituspositionen (in vielen Varianten) und Fellatio. Für darüber hinausgehende sexuelle Bedürfnis des anderen Geschlechts findet man kein Problembewusstsein. Onanie und Homosexualität werde in manchen Graffiti propagiert und häufig stark negativ getönt abgelehnt.
Bei Frauen (29,78 %) findet man kaum Zeichnungen - weder des eigen- noch des andersgeschlechtlichen Organs. Vaginalkoitus wird selten und manchmal negativ erwähnt. Oft werden andere Möglichkeiten sexueller Betätigung diskutiert. Erkennbar ist in manchen Graffiti das Bemühen, auf die Bedürfnisse der Männer, oder was dafür gehalten wird, einzugehen - einerseits um optimale Befriedigung zu gewährleisten, andererseits klingt auch die Hoffnung durch, mit bestimmten Praktiken den Mann halten zu können und nie verlassen zu werden. Daneben werden aber auch viele eigene Bedürfnisse geäußert und es besteht ein reger Informationsaustausch, besonders was Fragen der Virginität und des Orgasmus betrifft. Masturbation und Homosexualität werden selten angesprochen und es gibt auch keinen negativen Stellungnahmen dazu.

Gerade die Ergebnisse in diesem Bereich stehen teils in großem Widerspruch zu vielen bisherigen Untersuchungen:
Von Männern ist die offene Darstellung sexueller Fragen seit der Anthropophyteia gut belegt und durchgehend dokumentiert. Bei den Frauen dürfte es sich - zumindest in der umfangreichen Form - um eine Erscheinung handeln, die sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte. Kinsey schrieb noch 1953 davon, dass Graffiti sexuellen Inhaltes in Frauentoiletten kaum zu finden sind und führte dies auf basale Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurück. Diese heftig bestrittene und häufig untersuchte Hypothese wurde in Nachfolgeuntersuchungen oft widerlegt. Aber noch in einer Studie aus dem Jahre 1985 (Schaeffer-Hegel/Strate) wird von geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Selbstkontrollen und Zensurmechanismen gesprochen, die es Frauen verbieten, breite und geile Lustempfindungen zu äußern. In der von mir untersuchten Stichprobe war davon nichts zu bemerken und es könnte sein dass hier die Hypothese Stockers (1972) recht behält, wonach sich Frauengraffiti ändern werden, wenn sich bestimmte Aspekte der Kindheitssozialisation verändern.

Liebe:

Liebe wird bei den Männern kaum thematisiert (0,42 %), nimmt demgegenüber in Frauengraffiti großen Raum ein (11,96 %) - ein Phänomen, dass schon bei Lombroso (1899) und Kinsey (1953) erwähnt wird und offenbar ziemlich zeitkonstant vorhanden ist.

Frauenspezifisches:

Der große Bereich, den ich wegen des weitgehenden Fehlens männlicher Stellungnahmen dazu, und da hier primär " Frauenanliegen" behandelt werden, Frauenspezifisches nannte, wäre, in Analogie zu "Politik" bei den Männern, die eigentliche Hauptdomäne bei den Frauen (31,08 %). Hier werden traditionelle Frauenanliegen wie Schwangerschaft, Geburt, Empfängnisverhütung, Abtreibung, ..., ebenso abgehandelt wie persönliche Probleme, Beziehungskrisen, das Befinden der Frau in Institution und Gesellschaft, Benachteiligungen gegenüber Männern, Gewalt gegen Frauen und Kinder... Eine Analogie zur kurzen parolenartigen Sprache der Männer ist dann zu finden, wenn extremfeministische Graffiti geäußert werden. Insgesamt betrachtet ist aber in diesem Bereich das Bemühen vordergründig, zu positivem Konsens mit den Männern zu gelangen und Polarisierungen werden oft heftig abgelehnt. In den Graffiti aus Männertoiletten fehlen weitgehend Aussagen zu diesen Themen (1,27 %), umgekehrt ist auch keine Selbstreflexion zur eigenen Rolle zu finden. Die Korrespondenz mit Zeitströmungen ist auch in diesem Bereich augenscheinlich und die Äußerungen sind meist so geartet, dass sie auch in einer anderen Öffentlichkeit ebenso diskutiert werden könnten.

Diverses:

Bei der letzten Großgruppe - Diverses - sind die geringsten Unterschiede festzustellen und die Ergebnisse auf der Ebene der einzelnen Subkategorien sind nicht signifikant (19,64 % : 24,63 %). Die "Kommunikation am Klo", "Skatologisches", "das Studium", "Namen und Grüße", "Drogen", "Religion" und "Rechtschreibung", "Nonsens" etc. werden ohne größere Unterschiede in Frauen- und Männertoiletten gleichermaßen abgehandelt .

Neben diesen Unterschieden auf Basis des Kategorienschemas, bestehen aber zusätzliche unübersehbare Andersartigkeiten bei der Kommunikation:
Männer drücken ihre Anliegen meist in kurzen Sätzen oder Reimen aus, wobei (v.a. im politischen Bereich) parolenartige Aussagen vorherrschen. Die Inhalte werden in einer Art vermittelt, dass sie in sich abgeschlossen erscheinen und keinen Wunsch nach der Meinung anderer Personen erkennen lassen. Es finden sehr viele Eingriffe in die Inschriften anderer Personen statt (durch Überschreiben, Durchstreichen, Hinzufügen, Unleserlich machen, Hineinschreiben, ...) und in den Dia- und Polylogen dominieren Aggressivität und Zynismus, seltener Witz. Gefühle und persönliche Probleme werde fast nie thematisiert und noch seltener verständnisvoll, konstruktiv beantwortet.
Frauengraffiti sind meist wortreicher. Lange Sätze und genaue Beschreibung von Sachverhalten dominieren. In vielen Fällen findet sich die Bitte um Antwort bzw. um die Meinung Anderer. Vorherrschend wird in sehr persönlichem Ton kommuniziert und freundlich aufeinander eingegangen. Gefühle und persönliche Probleme werden zum Ausdruck gebracht und meist konstruktiv beantwortet. Es gibt kaum aggressive Töne, gegenseitiges "Niedermachen" kommt vor, reichte in der untersuchten Stichprobe aber nie bis zur Androhung physischer Gewalt.

 

Diese Arbeit wurde 7 Jahre später von Frau Mag. Monika Bauer mit einer Längsschnittsequenz weitergeführt - siehe dazu die Publikationen in der Literaturliste.

Literatur:

Norbert Siegl, 1992: Geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Häufigkeit und thematischer Inhalte bei Toilettengraffiti. graffiti-edition, Wien (zugleich Diplomarbeit an der Universität Wien)

Norbert Siegl, 1995: Kommunikation am Klo. Graffiti von Frauen und Männern. VG, Wien

Norbert Siegl, Hg., Neuauflage 2002: Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude, Teil 1, ca. 2.186 Graffiti. Sequenz 1991. graffiti-edition, Wien SOFORT LIEFERBAR

Norbert Siegl, Hg., Neuauflage 2002: Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude, Teil 2, ca. 3.500 Graffiti. Sequenz 2000. graffiti-edition, Wien SOFORT LIEFERBAR

Monika Bauer, 2002: Graffiti im Lauf der Zeit. graffiti-edition, Wien (zugleich Diplomarbeit an der Universität Wien) SOFORT LIEFERBAR

Norbert Siegl, 2001: Graffiti-Enzyklopädie. Von Kyselak bis HipHop-Jam. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, Wien SOFORT LIEFERBAR

Susanne Schaefer-Wiery und Norbert Siegl, 2002: Der Graffiti-Reader. Essays internationaler Experten zum Kulturphänomen Graffiti und ein ausgewählter Bildteil aus der "Grafffiti-Dokumentation Europa". ISBN 3-901927-19-0, graffiti edition, Wien SOFORT LIEFERBAR


 

Deskriptiv-statistischen Ergebnisse der Untersuchung,
die unterschiedlichen Kommunikationsprofile:


©Norbert Siegl, 2009, Wien


 

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