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Rund um den
Erdball – in mindestens 120 Ländern – existieren Millionen Felsbilder.
Damit sind Vor- und Frühgeschichte der Menschheit umfassender auf
Stein dokumentiert, als altertümliche Hochkulturen dies auf
verrottungsanfälligem Papyri vermochten. Zeichnen auf Wänden – oft ideologisch motiviert – ist zweifelsohne ein typisches Verhaltensmuster, also ein genetisch verankertes Bedürfnis, das, unabhängig von der Schreib- und Lese-Kunst, ausgelebt sein will. Dort wo die Schrift fehlt (oder noch nicht entziffert werden konnte) sind wir besonders auf die Deutung der eventuellen Symbolik vorhandener Zeichen, Linien, Striche, Punkte und Bilder angewiesen, um die Gedankenwelt und Lebensweise unserer Vorfahren vielleicht verstehen zu lernen. Hier liegt allerdings auch die Problematik der Ikonographie [Form- und Inhaltsdeutung]. Bei der Mehrzahl der Petroglyphen oder Piktographen [gemeißelte oder gemahlte Felszeichnungen], lässt sich nämlich weder sagen, ob sie „eindeutig zweideutig“ sind, noch genau feststellen, von wann sie stammen. Die „Kunstwerke“ des Altertums sind eben leider nicht mit Monogramm und Datum signiert. Zudem kann für Messungen, mit der ohnehin nicht ganz zweifelsfrei anwendbaren C-14-Methode, kaum auf organisches Material (Farben, Bindemittel) zurückgegriffen werden. Dieses hat sich schon längst verflüchtigt. Nach Stil, Motiv, Komposition, Repertoire, Erosion, der Patina und eventuell vorhandenen Bildüberlagerungen oder Bildparallelen, versucht sich die Wissenschaft daher in relativen Zeitangaben (älter als / jünger als). Je weiter die Entstehung eines Objektes anscheinend zurückliegt, desto höher muss gerundet werden (z.B. plus / minus 5 000 Jahre). Näherungswerte sollten auch wirklich genügen. Fixieren wir uns doch all zu gerne auf exakte Daten. Diese sind für die prähistorische Epoche – also die Geschichte ohne historischer Zusammenhänge – aber unwesentlich. Die ältesten Höhlenbilder (Spanien, Frankreich) werden auf 25 000-30 000 Jahre geschätzt. Und es sind gerade die frühen Artefakte, welche von großem Talent und hoher Kunstfertigkeit zeugen. (Die Archäologie belegt diese Entwicklung vom technisch und künstlerisch wertvollen archaischen Werk, über die Bildkomposition, zum vereinfachten symbolhaften „Strichmännchen“, und nicht umgekehrt.) Da waren keine Amateure am Werk. Man nimmt wegen der erkennbaren Einheitlichkeit und Reproduzierbarkeit unzähliger Motive sogar an, dass es Schulen bzw. Werkstätten gab, und nach Vorgaben, als auch in Gruppen gearbeitet wurde. Gleichwohl könnte es den Priestern bzw. Schamanen vorbehalten gewesen sein, nach überlieferten Regeln, an Kultplätzen kreativ zu wirken. Was aber nicht ausschließt, auch massenhaft „dilettantische“ Darstellungsversuche von Individualisten vorzufinden. Die Gelehrten sind sich weitgehend einig, dass in der Vorgeschichte, auf allen Kontinenten, etwa zur gleichen Zeit, geradezu eine „Kulturexplosion“ bzw. ein „Zivilisationsschub“ stattfand, aufbauend auf übereinstimmendes kulturelles Wissen der damaligen Gesellschaft. Die Überlegung liegt nahe, diese Periode vor der Naturkatastrophe einzuordnen, welche bei mindestens 270 Völkern als die „Flut-Sage“ überliefert ist. Die BIBEL erlaubt, die Abläufe chronologisch einzugrenzen. In der Genesis 4:20-22 heißt es: „Im Laufe der Zeit gebar Ada Jabal. Er erwies ich als der Stammvater derer, die in Zelten wohnen und Vieh besitzen. Und der Name seines Bruders war Jubal. Er erwies sich als der Stammvater all derer, die Harfe und Pfeife spielen. Was Zilla betrifft, sie gebar ebenfalls, nämlich Tubal-Kain, der Schmied von jeder Art von Kupfer- und Eisenwerkzeugen.“ (Alle waren Nachkommen Kains in der sechsten Generation.) Der Autor dieses historischen Berichtes, Moses, lebte um 1 500 v.u.Z. Er hielt eine ihm überlieferte Chronik schriftlich fest, die sich nach der Geburt Seths (dritter Sohn Adams) 3 896 v.u.Z. abgespielt haben muss; jedenfalls aber einige Jahrzehnte vor der Sintflut 2 370 v.u.Z. Demnach könnten archäologische Objekte, welche älter als rund 4 400 Jahre datiert werden, nur aus einer Zeit vor dem globalen Naturereignis stammen. Auffallend ist, dass die fortschrittlichsten Kenntnisse über Jagd, Ackerbau (Pflug), Tierhaltung (Domestikation), Astronomie, Astrologie, Heilkunde, Mathematik, Schrift u. a. auf Vorderasien (Mesopotamien, Armenien, Kaukasus, Ararat) zurückgehen; das Gebiet also, von wo aus die Zivilisation, mit ihren ersten Stadtgründungen – übereinstimmend mit dem biblischen Bericht – ihren Anfang nahm. Der BROCKHAUS drückt es so aus: „Die vorgeschichtliche Kunst tritt unvermittelt in Erscheinung und zeugt von Formbeherrschung und einem scharf umrissenen Weltbild.“ Andre LARONDE,
Prof. f. griech. Gesch. a. d. Sorbonne, kommentiert eine der bedeutendsten
Fundstellen (1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt) wie folgt:
„Die Felsmalereien Libyens zeugen von der Existenz eines brillanten Jägervolkes.“
In der Tat war der fruchtbarste Abschnitt der Felsbildkunst die Bronzezeit 2
500-600 v.u.Z. Als gesichert erklärbar gelten die Herstellungstechniken und
Hauptthemen der Felsbildkunst: Geritzt, gepickt, gemeißelt, graviert,
geschliffen, gemalt, gezeichnet – wurden – Jagdszenen, Sexualität,
Haustiere, Kosmos, Kultisches. Bei der Interpretation der figurativen oder schematischen
Motive bleiben aber schon Fragen offen. Nehmen wir nur den ersten Punkt. Naturgemäß
wird wohl die in der Region lebende Fauna dargestellt; aber warum fast nur
Großwild, und davon nur einige wenige Arten? War
es denn für die Steinzeitjäger vernünftig, mit Pfeil und Bogen, Speer
oder Schleuder, unter großem Risiko auf Nashörner oder Mammuts
loszugehen? Knochenfunde an Feuerstellen bezeugen, dass man sich eher
von Niederwild und Bild 2: Nashorn
in vereinfachter, aber doch sehr gelungener Umrisszeichnung – Jagdszene
mit Fangstein, der je nach verfolgtem Wild 10-90 Kilo wog / frühestens 4
000 v.u.Z (Wadi Wie schon kurz angedeutet, kann man beim Darstellungstypus einen Stilwandel beobachten; von der handwerklich sorgfältigen naturalistischen, statischen, zweidimensionalen Seitenansicht, zur oberflächlich skizzierten abstrakten, schematischen Zeichnung, die dafür aber mehr dynamisch, perspektivisch, symbolhaft wirken kann. (Interessant dabei die verschiedenen – durchaus erfolgreichen Versuche – die dritte Dimension zu erfassen, wie sie sich etwa in der abstrakten Kunst des modernen Surrealismus wieder findet.) Einflüsse fiktiver Weltvorstellungen sind nicht wegzuleugnen; vom Animalismus [Verehrung heiliger Tiere], über den Animatismus [Vorstellung, dass alle Dinge belebt sind], zum Animismus [Vorstellung, dass alle Dinge beseelt sind, und die Seele den Körper verlassen kann]. So ist etwa in Schweden, Libyen, Indien ein Stil aufgetreten, der Menschen- und Tierkörper in Form von zwei zueinander gerichteten Dreiecken darstellt (Doppelkegel, bitrangulär, Sanduhrform). Dazu geben die Experten folgende kontroversen Auslegungen: Wenn alleinstehend – Abbild eines Töpferofens, Symbol für die Zahl 20; wenn in einer Bildkomposition bzw. als Dekorelement – Sonnenwende, Wiedergeburt, Jenseitsreise, kosmische Hochzeit, konfrontierende Genitalien, Wiedervereinigung (später folgerichtig transformiert in die römische Zahl 10 und unser Mal-Zeichen). Zuordnen könnte man noch die mythologische Aussage des Dreiecks: Himmelskönigin, Erdmutter, Herrin der Tiere, weiblicher Schoß, Überirdisches, Irreales, Einigkeit, Trinität (irdisch – unbewusst – göttlich). Bild 3: Typisches
Beispiel des bitriangulären Stils – die künstlerische Fertigkeit
degeneriert – die Symbolik wird vorrangig / frühestens 2 500 v.u.Z. (Akakus
Gebirge, Libyen) Kommen wir auf unserer Zeitreise in die Gegenwart. Auch in einer Welt der Globalisierung und Vernetzung wäre das Leben ohne Zeichen oder Symbole unvorstellbar. Sie erleichtern den Umgang mit Informationen und Techniken – über Sprachschranken hinweg. Sie schützen Eigentum, Leben, Gesundheit (z.B. die uns auf einem Schild entgegengehaltene warnende Handfläche). Es mag einem bislang nicht bewusst gewesen sein, dass in der Moderne Bilder zu uns sprechen, die eiszeitliche Höhlenbewohner „erfanden“. Bild
4:
Besichtigungsmöglichkeit: ÖSTERREICHISCHES
FELSBILDERMUSEUM – 4582 Spital am Pyhrn – www.felsbildermuseum.at
Glossar: Definition
des Begriffs Graffiti siehe: http://www.graffitieuropa.org/definition.htm
Graffiti = meist überdimensionale
Gestaltung öffentlicher Flächen durch Übermalung, bevorzugt mittels Graffito/Sgraffito
= in die Wand eingekratzt, Schraffierung, Bezeichnung für die einzelne
Darstellung oder die Fertigungstechnik als solche (dann aber meist als
„Graffiti“) Sgraffiti
= Alternativbezeichnung von Graffiti/Graffito/Sgraffito ..... Wandbilder
oder Ornamente, geschaffen durch Auskratzen von übereinander geschichteten
verschiedenfarbigen Putzen / Hochblüte
in der Renaissance Fresko
= auf noch feuchten Frischputz aufgebrachte Malereien / Hochblüte im Barock Quellennachweis (für die Begriffserklärungen): BROCKHAUS KUNST, 2. Auflage, Mannheim, 2001, Redaktion Jürgen HOTZ, Seite 421 und 1068 – Graffiti/Graffito = Kratzputz / Sgraffito 1.) auf Rauputz gefärbter Grundkratzputz und dünne nasse Kratzschicht 2.) auf Felsen, Mauern, Wänden eingeritzte, aufgekritzelte, aufgezeichnete Texte und Zeichnungen, seit der Antike und seit den 1970er Jahren aus den USA Sinngemäß gleich definiert das KUNSTLEXIKON HARTMANN,1996, ISBN 3-9500612-0-7 – der/das Graffito, Mz. Graffiti, synonym für Sgraffito, neuzeitliches Graffiti, und sogar Sgraffiato FREMDWÖRTER-DUDEN,
Ausgabe 2000 – In der ENCARTA Enzyklopädie PLUS 2001 kommt „Graffiti“ als eigenständiges Stichwort vor, und wird ausschließlich auf Wandmalereien seit den 1970er Jahren bezogen
©2006, Illek (Fotos, Text) und ifg (Internet-Aufbereitung)
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